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Bartholomäusbote 2/2010 - 175 Jahre Ev. Kirchenchor an der Ev. St. Bartholomäus-Kirche |
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175 Jahre Ev. Kirchenchor an der Ev. St. Bartholomäus-Kirche 40 Jahre davon unter dem Namen Ev. Singekreis
Wir schreiben das Jahr 1835. Wahlscheid vor 175 Jahren. Der hiesige Lehrer, Organist und Küster, Theodor Wellenbeck, gründet in der Ev. Gemeinde Wahlscheid einen Ev. Kirchenchor. Auf Geheiß des preußischen Königs. Friedrich Wilhelm III wollte nämlich in allen Evangelischen Kirchen seiner Lande, also auch in der Rheinprovinz, also auch in Wahlscheid am ersten Osterfeiertag 1835 eine neue Liturgie eingeführt wissen. Damit deren musikalische Teile auch funktionieren, ordnete er die Gründung von Kirchenchören an. Nicht überall gelang das. An ganz, ganz wenigen Orten nur. In Wahlscheid z. B., wo dieser Chor ganz schnell sogar zu einer richtig großen Erfolgsstory wurde. Schon 1836, dokumentiert in unserem Gemeindearchiv, werden die anfänglich eher weniger beliebten Auftritte des neuen Chores von der versammelten Gemeinde bald so geschätzt, dass das Presbyterium das intensive Bitten und Drängen des Chores auf häufigere Auftrittsmöglichkeiten schließlich erlaubte und genehmigte. Fortan singt der Chor nicht mehr nur zu allen großen Festtagen, er singt zur großen, großen Freude aller Sänger auch noch einmal zusätzlich jeden Monat in einem ganz normalen Sonntagsgottesdienst. Sängerinnen im Chor gab es seinerzeit keine. Chorproben in den Abendstunden zusammen mit fremden Männern -, das war laut Kirchenarchivdokumenten hoch heikel und ging damals deshalb gar nicht. Von der ersten Stunde an war der Ev. Kirchenchor Wahlscheid gesegnet mit hoch engagierten Chorleitungen. So schreibt Pfarrer Lungstras im Sitzungsprotokoll des Presbyteriums vom 9. Juni 1839: In Anerkennung seiner eifrigen Bemühungen um die Hebung des kirchlichen Gesangs beschließt das Presbyterium für Lehrer Wellenbeck eine einmalige sonntägliche Dank- und Sonderkollekte. 1880 erhielt dieser Lehrer gar durch den König von Preußen den hoch noblen Adler-Orden. Wer den bekam, konnte für gewöhnlich berechtigterweise wochenlang vor Stolz kaum laufen. Und nicht nur der Geehrte nicht, auch sein ganzer Wohnort nicht. Ein altes Foto des Geehrten aus dem Kirchenarchiv mit Orden und entsprechender Pose macht deutlich, was das wohl für Ihn, was das wohl für die ganze Ev. Gemeinde Wahlscheid bedeutet hat. Evangelische Chormusik in Wahlscheid - Heimatforscher und Historiker Otto Treptow hielt 1985 in einem langen Festvortag fest: Nach eindeutigen historischen Belegen aus dem Jahr 1836 können wir heute mit Fug und Recht feststellen: Wahlscheid hat einen 150 Jahre alten Kirchenchor 15 Jahre davon unter dem Namen Ev. Singekreis. Mit gleichem Fug und Recht können und müssen wir heute im Jahr 2010 feststellen: Wahlscheid hat einen 175 Jahre alten Kirchenchor 40 Jahre davon unter dem Namen Ev. Singekreis. 1835 begann es laut Kirchenarchiv mit 30 Männern. Erst 44 Jahre später wurde 1879 der Männerchor Wahlscheid gegründet, erst 1913 der Männerchor Frohsinn Höffen. Dem Wahlscheider Kirchenchor tat das keinen Abbruch. 1914 erweiterte er sich gar - nach Genehmigung durch das Presbyterium - zu einem herrlichen gemischten Chor mit sage und schreibe 70 Mitgliedern: 42 blutjungen Frauen, 28 blutjungen Männern. Chorleiter war damals mutmaßlich, wie Otto Treptow recherchierte, ein Mensch namens Carl Ackermann. Er leitete gleichzeitig auch den Männerchor Wahlscheid. Auch schon damals offensichtlich keine schlechte Kombination. Auf Chorleiter Carl Ackermann folgte 1922 der hoch musikalische Landwirt Karl Frackenpohl aus Weeg. Unter ihm stieg die Zahl der Sängerinnen und Sänger 1927 gar auf 77. Er leitete den Kirchenchor von 1922 - 36. Dann war Schluss. Das damalige hoch braune Wahlscheid schloss zu dieser Zeit, weil die Ev. Kirche in Wahlscheid und ihr Pfarrer nicht braun mitziehen wollten und Widerstand leisteten wegen angeblicher Baufälligkeit die Bartholomäus-Kirche und dazu gleich auch noch die Ev. Schule. Der Turm könne vermeintlich auf sie fallen. Die originalen amtlichen Schließungsanordnungen mit ihrer kruden Begründung liegen übrigens fein säuberlich im Kirchenarchiv. 1946 dann wurde unser Kirchenchor von Lehrer Ernst Märtsch, dem Vater von Rosemarie Treptow wiederbelebt. Er zählte 1946 52 Mitglieder: 40 Frauen, 12 Männer. 1948 übernahm Lehrer Bruno Teschner den Chor. Ende der fünfziger Jahre wandelte sich der Chor zu einem reinen Frauenchor. Er stellte 1957 schließlich seine Proben ein. 1969 sollte in Wahlscheid ähnlich wie 1835 - wie sich die Dinge doch wiederholen - eine neue Liturgie eingeführt werden. Flugs wiederbelebte Rosemarie Treptow den schlummernden Wahlscheider Kirchenchor. Man bzw. frau gab ihm allerdings einen besser in die damalige Aufbruchstimmung passenden neuen Namen: Ev. Singekreis. Pfarrer Pleuger, hoch verliebt in seinen Männerchor Wahlscheid, war nicht so ganz begeistert, hinderte das Vorhaben aber nicht. Ganz viele junge Mädchen - viele davon damals gerade 16 Jahre alt - waren voller Sangesfreude zur Stelle. Später gesellten sich Ehemalige dazu, so dass Herr Maibach, heute Mitglied des Chores, seinerzeit Redakteur beim Rhein-Sieg-Anzeiger, 1985 zum 150-jährigen Bestehen des Wahlscheider Kirchenchores einen beeindruckenden Bericht schreiben konnte mit einem wunderschönen Pressefoto mit fünf alt gedienten Sängerinnen darauf noch aus dem Chor unter Karl Frackenpohl: Klara Steinsträßer, Olga Meyer, Erna Fischer, Hildegard Theiß, Olga Breideneichen. Es gab einige Unterbrechungen: von 1937 - 1944, von 1958 - 1969. So wie übrigens bei fast allen anderen Chören auch. So gut wie kein weltlicher oder kirchlicher Chor hat solche Ruhepausen nicht gehabt. Insbesondere in Kriegszeiten. Rosemarie Treptow leitete den Ev. Singekreis von 1970 - 1980 präsentierte mit ihm Konzerte auf höchstem Niveau. 1980 - 85 folgte Gabriele Fritzsche. 1985 - 99 leitete Jeanette D´Ans den Chor. 1999 wurde er von Heidrun Kraus übernommen. Unter ihr präsentierte er sich mit einem Paukenschlag zur 450 Jahrfeier der Gemeinde und wurde zu meiner ganz persönlichen Freude, an alte Wahlscheider Kirchenchortraditionen anknüpfend, 2008 wieder zu einem gemischten Chor. Verstecken muss er sich heute wahrlich nicht. Er hat weit über 50 Sängerinnen und Sänger. Er gehört mit zu den besten Kirchenchören, die unsere Gemeinden landauf, landab bieten. Er blickt hier vor Ort auf eine Geschichte und eine Tradition zurück wie kein anderer Chor sonst. Wenn das kein Grund ist, als Kirchengemeinde richtig doll stolz zu sein, was dann? Kleine Schlussbemerkung: Musik und Kirche, Kirche und Musik sind im Protestantismus ganz eng aufeinander bezogen. Damit das Wort nicht im Kopf stecken bleibt. Damit das Wort ins Herz geht. Deshalb ist der Gesang in einem Gottesdienst, insbesondere der Gesang der Chöre die dritte hoch wichtige Form des Verkündigungsauftrags unserer Kirche. Die zweite Form der Verkündigung ist die mit der Tat, die Diakonie. Die erste Form, die mit dem Wort, die Predigt. Erst alle drei zusammen ohne Vor- oder Nachrang, verkündigen das Ganze. Mitglieder eines Kirchenchores sind deshalb nicht bloß Sängerinnen und Sänger. Mitglieder eines Kirchenchores sind Verkündiger und Verkündigerinnen, singende Predigerinnen und Prediger. Nicht allen Chören in unserer Ev. Kirche - bundesweit gibt es davon etwa 10 000 mit 250 000 Sängerinnen und Sängern - ist das so bewusst, aber ich denke, die Chormitglieder unseres Chores wissen doch noch sehr wohl, wo hier in Wahlscheid die Glocken hängen. Und wer sich dafür so in die Kurve legt, der darf, na klar, auch Spaß haben, wer sich so engagiert, der darf sich auch über Unterstützung freuen. Die Kirche bezahlt deshalb alles: die Chorleiterin, zusätzliche Honorare, die Noten, die Räumlichkeiten, Feste und Feierlichkeiten. Und das ist auch gut so. Was wäre unsere Kirche ohne Musik? Was unsere Welt? Was unser Leben? Musik ist die Poesie der Luft, sagen die Dichter. Musik ist die Sprache der Engel. Musik ist Gebet. Musik ist ein kleiner Vorgeschmack auf den Himmel. Wohl wahr: denn jede wahr und tief empfundene Musik, ob profan oder kirchlich, ob alt oder neu, ob E oder U, wandelt letztlich auf jenen Höhen, in denen der Mensch seinem Gott begegnet. Und genau das letztlich ist es. Genau darum ging und geht es. Genau darum heißt es z. B. in Chronik I: Singt dem Herrn, alle Lande, im Psalm 104 Ich will meinem Gott singen mein Leben lang! im Gesangbuchlied 302: Du meine Seele, singe! Und so soll es in unserer Gemeinde auch weiterhin sein. Und am besten in und mit einem so wunderschönen Kirchenchor wie dem unsrigen: Heute, morgen und in den nächsten 40 bzw. 175 Jahren sowieso.
Reinhard Bartha, Pfarrer
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